Mit dem Professional Agile Coaching Lehrgang erlernen Sie Coaching von Grund auf mit allen bedeutsamen Facetten und intensivem Tiefgang. Ein ganz spezieller Schwerpunkt des Ausbildungsprogramms ist der Potenzialfokus als Weiterführung des lösungsorientierten Ansatzes. All dies vor dem Hintergrund agiler Teams & Organisationen, dem Wandel hin zu modernen agilen Arbeitsweisen, zu neuen Arbeitswelten.

Diesmal haben wir Dr. Günter Lueger als Interviewpartner zu Gast. Im Gespräch mit Mike Leber.

Mag. Dr. Günter Lueger
war Universitätsprofessor für Coaching und Personalführung und ist Leiter des Potenzialfokus Centers sowie des Instituts für Potenzialfokussierte Pädagogik.
www.potenzialfokuscenter.at
www.potenzialfokus.at

Günter ist ausserdem Mitglied der Lehrgangsleitung für die Ausbildung zum Professional Agile Coach und Pionier zur Coaching-Disziplin im deutschen Sprachraum.

 

Wenn es um die Herkunft und die Wirkungsweise von Coaching in der Praxis geht, dann ist Günter der richtige Gesprächspartner. Er hat schon früh mit den unterschiedlichen Autoren der systemischen und der lösungsorientierten Therapie zusammengearbeitet und den Begriff „Coaching“ im deutschen Sprachraum salonfähig gemacht. Das macht uns neugierig und wir wollen mehr über Günter’s Erfahrung und seine Einschätzung zur heutigen Entwicklung des Themas wissen. Lesen Sie hier den ersten Teil unserer Aufzeichnungen zum geführten Gesprächs.

Hallo Günter, erzähl uns doch einleitend ein wenig über Dich? Wer bist Du? Was machst Du? Was sind Deine Themen und was bewegt Dich?

Günter Lueger: Da beginn ich doch gleich mit einem Zitat von Ödon von Horvath, das hier passt: “Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komm nur sehr selten dazu”. Warum sag ich das? Weil Menschen und auch ich sehr unterschiedlich sind. Weil man durch solche Frage wie “Wer bist du?” in ein Korsett gezwungen wird, die Entweder/oder-Falle wie ich sage. Und weil niemand immer so ist, aber darüber werden wir ja im Interview sicher später reden.

Natürlich gibt es Muster, die in meiner Selbstwahrnehmung bei mir dominieren. Lass es mich, lieber Mike, mit einer Metapher ausdrücken: Ich steht natürlich wie alle Menschen auf zwei Beinen, auch beruflich und dabei stellt ein Bein meine praktische und unternehmerische Arbeit dar. Ich bin in einem kleinen Unternehmen in Niederösterreich aufgewachsen und hab schon früh im Betrieb mitgearbeitet, später diesen auch geleitet, wenn die Eltern auf Urlaub oder weg waren. Das hat mich früh gelehrt, dass in der Praxis die Dinge immer wieder anders sind als man es sich vorher vorstellt.

Das zweite “Bein” ist das wissenschaftliche: ich habe, nachdem klar war, dass ich die Firma der Eltern nicht übernehme, an der WU Wien studiert und bin dann gefragt worden, als wissenschaftlicher Assistent zu bleiben. Ich hatte auch Angebote von großen Konzernen, im HR Bereich zu beginnen. Das kam damals in Mode und ich war da im Studium schon sehr darauf ausgerichtet. Ich hab mich dann doch für den Job an der WU entschieden und das war gut so.

Es gab dort sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten. Und ich hab dann zum Thema “Personalbeurteilung” dissertiert und am Aufbau des Instituts für Personalwirtschaft mitgewirkt. Später hab ich eine Professur an der PEF Privatuniversität für “Personalführung und Coaching” angenommen und den weltweit ersten Lehrgang für “Lösungsfokussiertes Coaching und Management” aufgebaut und geleitet.

Gleichzeitig war ich auch immer viel in Projekten in Unternehmen engagiert, da konnte ich meine “zwei Beine”, das wissenschaftliche und praktische optimal nutzen. 

Du hast zum Thema Coaching nicht nur eine Unmenge an Erfahrung, sondern warst ja dabei, als sich der Begriff geformt hat. Da sind wir natürlich gespannt. Erzähl uns doch ein paar Highlights aus Deiner persönlichen Reise dazu.

Günter Lueger:  Natürlich stehe ich – wie alle die sich auf neue oder zumindest andere Wege begeben – auf den Schultern meiner großartigen Vorgänger. Da wären viele zu nennen, für mich persönlich wichtig waren vor allem Heinz von Foerster, Steve de Shazer und seine wunderbare Frau Insoo Kim Berg, mit denen ich noch viel persönlich arbeiten konnte. Günter Schiepek, der ja noch sehr aktiv ist und dessen Arbeiten wahrscheinlich den großen Durchbruch erst vor sich haben. Michai Nadin (ein im deutschsprachigen Raum eher unbekannter Forscher und revolutionärer Denker), aber auch Cooperrider (Appreciative Inquiry) oder Konstruktivisten wie Gerhard Roth. Einer der ersten und aus meiner Sicht profundesten konstruktivistischen Hirnforscher, Gregory Bateson und viele mehr, die ich hier gar nicht aufzählen will.

Für die Entwicklung des Potenzialfokus und des Potenzialfokussierten Coachings war aber das entscheidend, was man als “Veränderungslogik” oder “basic assumption about change” bezeichnet. Potenzialfokussierte Veränderungslogik bedeutet in dieser Hinsicht einen Paradigmenwechsel. Da würde sich viel dazu sagen lassen, aber ich möchte mich in unserem Gespräch erst mal auf die wesentlichsten Punkte konzentrieren.

Die klassische Veränderungslogik geht davon aus, dass man bei Dingen, die man verändern will, zuerst die problematischen Zustände erfassen muss und dann die Ursachen für diese Probleme findet. Damit landet man in Sekundenschnelle in einer Negavitäts-Trance und in der Vergangenheit. Der Optimismus, dass sich etwas verändern lässt, ist dann meist mit freiem Auge schon nicht mehr sichtbar und die Veränderungsenergie sinkt. Das ist das klassische naturwissenschaftlich geprägte kausale Denken, das sich irrtümlicherweise im Umgang mit sozialen Systemen eingeschlichen hat. Meiner Meinung nach ein großer Irrtum.

Menschen und soziale Systeme sind nicht Maschinen, wie Heinz von Foerster ja in seinen prickelnden Vorträgen immer wieder betont hat, sondern sinnsuchende „Einheiten“ und somit zukunftsorientiert. Es lässt sich jederzeit leicht überprüfen. Wir leben in der Gegenwart und das einzige, das relevant ist, ist die Zukunft. Denn die Vergangenheit ist unwiederbringlich vorbei, für immer!

Und im Alltag und in den Unternehmen hängen wir über den Excel-sheets der Vergangenheit, besprechen stundenlang was alles damals passiert ist und widmen uns nicht dem einzig wirklich Wichtigem, dem Fokussieren der Zukunft. Die Analyse der Vergangenheit ist auch schon alleine deshalb Käse, denn jeder Zustand und Moment der Zukunft ist sowieso schon etwas anders als die Vergangenheit. Somit ist das, was in der Vergangenheit gewirkt hat, ohnehin schon von Haus aus nicht mehr passend.

Gut, das ist tatsächlich ein wohlbekanntes Bild. Sowohl für die Arbeit in Unternehmen, wie auch als sogenannte Berater. Aber mit welcher Alternative arbeitest Du im Coaching?

Günter Lueger: Potenzialfokussierte Veränderungslogik dreht hier den Spiess um. Nicht die Vergangenheit wird als Ursache der Gegenwart gesehen, sondern die Gegenwart als Einflussfaktor der Zukunft. Veränderung und Entwicklung kommt somit aus der Zukunft und daher habe ich den Begriff des “Future Jump” geschaffen. Das ist ein Sprung in die Zukunft an einen konkreten Landeplatz und dort wird die GELINGENDE Zukunft konstruiert. Von diesem Punkt aus schauen wir dann auf die Gegenwart und auf den Weg in diese gelingende Zukunft. Statt Vergangenheitsanalyse steht Antizipation im alleinigen Mittelpunkt.

Systemisch gesehen ermöglicht das eine Musterunterbrechung (die ich Musterermöglichung nenne), womit Neues wahrscheinlicher wird. Das bewirkt wesentlich mehr Veränderungsenergie und es werden Potenziale sichtbar, die im klassischen Modell kaum oder gar nicht zu Tage treten. Wahrscheinlich ist es müssig zu erwähnen, dass dann Analysen und Gespräche wesentlich konstruktiver werden, da die Beteiligten permanent eine bessere Zukunft finden, genauer gesagt, zuerst erfinden und durch diese Erfindung und Fokussierung eine Entwicklung in Richtung eines besseren Gelingens wahrscheinlicher machen.

Und das ist ein Paradigmenwechsel. Denn all die Analysen der Ursachen unserer Probleme können wir uns sparen, ebenso all die Lehrbücher, die genaue Anleitungen geben, wie man die Ursachen analysieren muss. Es genügt die Antizipation und sich vom Sog der Zukunft ziehen zu lassen. Allerdings müssen wir das lernen, denn unser Bildungssystem ist vom “alten Kausalmodell” durch und durch geprägt.

Soweit der erste Teil unseres Gesprächs mit Günter Lueger. Wir hoffen, das Thema ist für Sie spannend und Sie wollen mehr über und von Günter über Coaching und den Potenzialfokus erfahren. Dann bleiben Sie gespannt und lesen uns schon bald hier wieder.

Sie treffen Günter Lueger ausserdem in folgenden Teilen der Ausbildung zum Professional Agile Coach:

  • Modul 1: Coaching Grundlagen
  • Transfer-Review 1 und 2
  • Modul 4: Coaching Lab
  • Modul 6: Finissage

Auch wenn Sie vielleicht bereits selbst als Agile Coach arbeiten, dann ist es immer wieder spannend von anderen zu hören, die in anderen Organisationen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Und auch angehende Agile Coaches sind immer mehr interessiert, was dieses Berufsbild denn in der Praxis ausmachen. Wir sprechen demnächst mit einem agilen Coach über den „Alltag“ und Sie lesen das spannende Interview hier bei uns.